#3: Online-Semester: Fluch oder Segen?

­Viele Studierende befinden sich mittlerweile schon im zweiten Semester unter Pandemie-Bedingungen. Was anfänglich vielleicht noch als willkommene Abwechslung oder gar als spannend galt, ist inzwischen bei einigen Studenten zur größeren Belastungsprobe geworden. In einer bundesweiten Studie (Traus et al, 2020) bei der die Angaben von 2350 Studierenden ausgewertet wurden, stuften fast 60 % der Befragten alleine die Vorstellung eines weiteren Online-Semesters als schlecht ein. Gleichzeitig antworteten aber auch 18,3% mit weder noch (also egal, ob das kommende Semester online oder in Präsenz abgehalten wird) und 22.3% fände es sogar gut.

Was sind nun die größten Herausforderungen eines Online-Semesters und wo werden für die Betroffenen die Chancen gesehen?

Herausforderungen

Fehlende Kontakte zu anderen Studierenden

Vor allem der persönliche Austausch mit anderen Studierenden sowie das soziale Leben am Campus, wie z.B. das gemeinsame Mittagessen in der Mensa, wird als zentrale Komponente des Präsenzstudiums genannt, was wiederum durch das reine Online-Semester wegfällt.

Fehlender Kontakt zu Lehrenden

Auch den kontinuierlichen Austausch und die Beratung von Lehrenden und deren Erklärungen zu Lehrinhalten sowie die inhaltlichen Diskussionen in Lehrveranstaltungen vermissen viele Studierende in der Zeit der Online-Semester.

Fehlende Infrastruktur der Uni

Einerseits haben sich die Anforderungen digitaler Voraussetzungen im Online-Studium erhöht (Studierende benötigen z.B. entsprechende Endgeräte und stabile WLAN-Verbindungen), gleichzeitig konnten aber entsprechende Angebote der Hochschule nicht mehr oder nur noch eingeschränkt genutzt werden (z.B. Nutzung der Computerraummöglichkeiten oder Druckmöglichkeiten). Zudem fehlt das (ungestörte) Arbeiten in der Bibliothek und somit der Platz zum Lernen außerhalb der eigenen vier Wände.

Mehr eigenständiges Lernen

Derzeit müssen Studierende mehr Eigenverantwortlichkeit zeigen, um ihr Studium zeitlich und räumlich zu organisieren, was wiederum eine gewisse strukturierte Vorgehensweise und ein entsprechendes Maß an Selbstdisziplin voraussetzt.

Schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Viele Studierende sind in der Zeit der Pandemie zurück zu den Eltern gezogen, was sich mitunter als sehr herausfordernd erweisen kann. Aber auch Studierende, die selbst Familie haben und das Studium mit der Kinderbetreuung unter einen Hut bekommen müssen, stoßen in den Pandemiezeiten durch das enge Zusammenleben durchaus an ihre Grenzen.

Sorgen rund ums Studium

Etwa 20 Prozent der Studierenden teilen die Sorge, das Studium unter den aktuellen Bedingungen nicht zu schaffen. Für fast die Hälfte kommt ziehe eine Verlängerung des Studiums in Erwägung.

Finanzielle Sorgen

Gründe für finanzielle Sorgen lassen sich vor allem durch den Verlust einer Nebentätigkeit (wie z.B. im Gastronomiebereich), die geringere Unterstützung durch die Eltern (da diese sich ggf. in Kurzarbeit befinden) oder die Mehrausgaben, die durch Neuanschaffungen von digitalen Endgeräten oder Literatur entstanden sind, begründen.

Zweifelsohne – Die Zeit des Online-Studiums ist für viele Studis herausfordernd und dennoch deuten die Studienergebnisse auch darauf hin, dass für einen Teil der Befragten das Online-Studium durchaus Vorteile mit sich bringt. Welche es sind, erfährst du hier:

Chancen

Mehr Flexibilität in der Arbeitsgestaltung

Sich flexibel und selbstbestimmt zu organisieren, empfinden einige Studierend als besonders wertvoll. Hierzu gehören u.a. die Arbeits- und Lernzeit im Homestudying besser – auf die eigenen Bedürfnisse angepasst – einteilen zu können aber auch die flexible Nutzung digitaler Lernangebote. Im Ergebnis zeigt sich auch, dass junge Menschen mit psychischen Erkrankungen offenbar ihren Lebensalltag teilweise besser bewältigen können, da sie etwaige Abwesenheiten nicht legitimieren müssen.

Keine Anreise

Der Wegfall von Fahrtzeiten wird von den Studierenden überwiegend als positiv erachtet. Die eingesparte Zeit kann dadurch anderweitig sinnvoll genutzt werden.

Kennenlernen neuer digitaler Möglichkeiten

Insgesamt hat der Digitalisierungsprozess durch die Phase des Online-Studiums deutlich an Fahrt aufgenommen. Der Schub führte dazu, dass sich die Studierenden zwangsläufig mit digitalen Methoden und Programmen auseinandersetzen müssen, was wiederum als Vorteil gewertet wird.

Mehr Geld zur Verfügung zu haben

Wenngleich ein Teil der Studierenden (37%) mit weniger Geld auskommen muss, so gaben 52% an, genauso viel Geld zu Verfügung zu haben und 11% haben sogar mehr finanzielle Mittel zur Verfügung. Dies lässt sich dadurch begründen, dass sie wieder bei den Eltern oder beim Partner wohnen und dadurch weniger Geld für Wohnen und Essen ausgeben. Auch der Wegfall von Fahrtkosten oder durch die Pandemie verursachte Einschränkungen von sozialem oder kulturellen Leben führen dazu, dass einige Studierende mehr Geld zur Verfügung haben.

Wunsch nach Unterstützung

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Online-Semester zwar viele Herausforderungen und Nachteile für die Studierenden mit sich bringt, einige daraus aber auch einen Nutzen ziehen. Unterstützungsbedarf wird in folgenden Bereichen gesehen:

  • Fragen zu Lehrinhalten (55,7% stimmen zu),
  • Prüfungsvorbereitung (55,4% Zustimmung) sowie
  • Beschaffung von Literatur und anderweitiger Recherche (45,9% Zustimmung).

Auch für die generelle Lern- und Studienorganisation wünschen sich die Befragten weiterhin oder vermehrt Beratung und Unterstützung.

Empfehlungen, die aus der Studie

  • Infrastrukturen an Hochschulen digitale und analog erweitern (z.B. Netzwerkzugänge, Möglichkeiten des Druckens, Leihgabe von Laptops Bibliotheksausleihe usw.),
  • Räume für soziales Leben für die Studierenden schaffen (Begegnungen außerhalb der digitalen Lehrveranstaltung schaffen wie z.B. Hochschulsport),
  • Beratungsangebote ausbauen: (technische aber auch psychosoziale Beratungsangebot),
  • formale Verfahren vereinfachen (z.B. Verfahren der Immatrikulation, Vergabe von Beratungsterminen etc.),
  • niederschwellige Formen der finanziellen Unterstützung schaffen (z.B. Sozialfonds für Personen, die unter erschwerten Bedingungen studieren),
  • Berücksichtigung ungleicher Studienbedingungen (z.B. Ausbau von Unterstützungsmöglichkeiten für Studierende ohne stabile soziale Netzwerke),
  • Studierende (wieder) stärker an Beteiligungsstrukturen partizipieren lassen (z.B. Einbezug in die Entwicklung einer digitalen Hochschule oder mitbestimmenden Gremien),
  • Ermöglichung von Studienzeitverlängerung (z.B. Schaffung von studienfreundlichen Regelungen der Verlängerung ohne Benachteiligung)

Und? Was sind deine größten Herausforderungen und deine größten Vorteile?

Stay tuned,

deine Julia

Quellen:

Traus, A.; Höffken, K.; Thomas, S.; Mangold, K. & Schröer, W. (2020): Stu.diCo. – Studieren digital in Zeiten von Corona. Online: file:///C:/Users/Ga95nad/AppData/Local/Temp/Thomas_Stu.diCo-1.pdf, abgerufen: 04.12.2020.